Wie Sie Dauerredner unterbrechen und trotzdem respektvoll bleiben

Dauerredner sind eine Herausforderung. In Visiten, in Meetings, in jedem Gespräch.
Es gilt als unhöflich sie zu unterbrechen. Das haben wir brav gelernt. Aber ist es nicht ebenso unhöflich, immer ungeduldiger, wütender und frustrierter zu werden? Er hört nicht auf zu reden! Wie können wir ihm nur klar machen, dass es reicht?
Wenn wir Verantwortung übernehmen, dann müssen wir das auch tun, wenn jemand mehr sagt als wir hören wollen.

Nie mehr als 40 Worte

 Marshall Rosenberg rät, maximal 40 Wörter zu benutzen, danach hört einem ohnehin niemand mehr zu. Aber wir alle kennen es, dass unsere Mitmenschen deutlich mehr verwenden:
  • Der Patient in der Visite, der ausführlich die bisherige Leidensgeschichte erzählt, statt die aktuellen Symptome zu schildern.
  • Der Kollege in der Besprechung, der pausenlos redet, ohne zum Punkt zu kommen.
  • Der eigene Vorgesetzte, der breit berichtet, obwohl alle auf Kohlen sitzen und noch viel zu tun haben.
Respektvoll Unterbrechen ist genauso wichtig wie gutes Zuhören!
Verzweifelt suchen wir nach der kurzen Pause im endlosen Redefluss, wo wir unauffällig übernehmen können. Wenn das nicht gelingt, steigt unsere Ungeduld.

Wann sollten Sie unterbrechen?

Sofort in dem Moment, in dem Sie ein Wort mehr gehört haben als Sie wollen. Das ist respektvoller als zunehmend unbewusste ablehnende Signale zu senden. Denn die kann ihr Gegenüber auch missverstehen. Dann glaubt er, Sie hätten ihn noch nicht verstanden und redet noch mehr!

Unterbrechen. Aber wie?

Bevor Sie unterbrechen, sollten Sie sich bewusst machen, um was es Ihnen geht. Wir wollen es so tun, dass sich unser Gegenüber trotzdem verstanden fühlt. Wir wollen ihn nicht stoppen, um den Kontakt zu beenden, sondern um ihn (wieder) aufzubauen! Denn bei endlosen Monologen schalten wir ab, verlieren diesen Kontakt.

Wir können uns zwei Fragen stellen

 Erste Frage: Warum redet er so viel?
 Versetzen Sie sich in die Lage Ihres Gegenübers. Was geht in ihm vor? Meist fühlen sich Menschen unverstanden und versuchen, durch viele Worte auf sich aufmerksam zu machen.
Viele brauchen Empathie und meinen, sie bekämen sie durch lange Schilderungen alter Geschichten. Doch Empathie findet im hier und jetzt statt, nicht in der Vergangenheit.
Tipp: Wenn jemand lange Geschichten erzählt, holen Sie ihn vorsichtig zurück ins Hier und Jetzt: „Entschuldigen Sie, wenn ich unterbreche. Aber sind Sie traurig oder verärgert, weil Sie sich früher Klarheit über Ihren Zustand gewünscht hätten? Ist es Ihnen wichtig, diesmal genau zu erfahren, wie der Befund lautet?“ Wenn der Patient mit ja antwortet, braucht er keine weiteren Worte. Wenn Sie falsch lagen, wird Ihnen der Patient vielleicht jetzt sagen, was er braucht.
Zweite Frage: Warum ist es mir so wichtig, dass er aufhört?
 Werden Sie sich Ihrer eigenen Motive bewusst. Was brauchen Sie, was durch das lange Reden nicht erreicht wird? Möchten Sie Klarheit, was der andere will? Geht es Ihnen um Effektivität und rasche Entscheidungen? Wenn Sie wissen, was Sie brauchen, können Sie das respektvoll zum Ausdruck bringen.

 Wer braucht was?

 Wenn wir über diese beiden Fragen Klarheit haben, können wir respektvoll unterbrechen. Indem wir unser Gegenüber fragen, was er gerade braucht. Oder indem wir mitteilen, was wir brauchen.
Dabei kann es notwendig werden, kurz die Stimme zu erheben oder mit den Händen ein Stoppsignal zu geben. Immer noch besser als langsam entgleisende Gesichtszüge.
Gut geeignet sind Zusammenfassungen, auch bei schwierigen Gesprächen. Wenn wir richtig liegen, fühlt sich unser Gegenüber verstanden und braucht nicht mehr Worte:
  • „Darf ich kurz zusammenfassen, was ich bisher verstanden habe?“
  • „Ich möchte sichergehen, dass ich Sie verstanden habe. Meinten Sie dass…“
  • „Ist Ihnen wichtig, dass…“
 Wir können aber auch ehrlich sagen, wie es uns geht:
  • „Ich merke, dass meine Aufmerksamkeit abnimmt. Können Sie mir konkret sagen, um was es Ihnen geht?“
  • „Ich habe gerade den Faden verloren und merke, dass ich den vielen Details nicht folgen kann.“
 Wenn unser Gegenüber ausführlich über frühere Zeiten erzählt, holen Sie ihn in die Gegenwart zurück und geben Sie dabei Empathie:
„Das klingt ganz so, als ob Ihnen … wichtig gewesen wäre. Würden Sie sich das für Ihre jetzige Situation auch wünschen?“ So holen Sie ihn in die Gegenwart zurück und er fühlt sich gleichzeitig angenommen und verstanden.

 Einladung zum Ausprobieren

 Denken Sie an eine Situation, in der Ihr Gegenüber regelmäßig mehr redet als Sie ertragen können. Wie werden Sie ihn künftig respektvoll unterbrechen?

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